Bismarck-Denkmal: Zivilgesellschaftliche Beteiligung bleibt Farce, solange Baustopp keine Option ist

Gemeinsame Stellungnahme der Initiativen Decolonize Bismarck, Bismarck’s Critical Neighbours, Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg zum digitalen Podiumsgespräch der Kulturbehörde über das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark am 19. November 2020

Das digitale Podiumsgespräch zum weiteren Umgang mit dem Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark am 19. November 2020 sollte, so die Behörde für Kultur und Medien (BKM) in ihrer Einladung, die „Forderungen nach einem kritischen Umgang mit dem Hamburger Bismarck-Denkmal öffentlich zur Diskussion“ stellen und sich auch „Fragen nach einer zivilgesellschaftlichen Partizipation an einem solchen Verfahren“ widmen. Das erfolgte Podiumsgespräch kann jedoch nur als erster Aufschlag gelten. Wenn tatsächlich ein ernst zunehmender Diskurs über den weiteren Umgang mit dem Bismarck-Denkmal gewollt ist, muss nun ein ergebnisoffenes und breit angelegtes Beteiligungsverfahren in Gang gebracht werden.

Baustopp?

Ein Baustopp sei keine Option, so der Kultursenator, weil die Denkmalsanierung inklusive der Restauration der NS-Devotionalien im 1939 zum Luftschutzbunker umgebauten Sockel auf einen Beschluss des Bundes zurück ginge. Allerdings ist der Bezirk Hamburg-Mitte verantwortlich für die Ausführung und kann durchaus intervenieren. Aus unserer Perspektive ist die Unterbrechung der laufenden Maßnahmen am Denkmal eine zentrale Voraussetzung für die Einleitung eines nachhaltigen partizipativen Prozesses, für den im weiteren Verlauf finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen und der zunächst keiner zeitlichen Begrenzung unterliegt.

Zweifelhafte Expertisen!

Der Vertreter der Bismarck-Stiftung, Ulf Morgenstern, kündigte im Verlauf der Veranstaltung an, dass er auch künftig „erhobenen Hauptes“ an dem Denkmal vorbeigehen werde, und unterschied zwischen seiner möglicherweise betroffenen Perspektive als Bürger und der nüchternen des Historikers auf das Denkmal. Der von der Behörde eingeladene Kunsthistoriker Jörg Schilling betonte in erster Linie die denkmalgeschichtliche Bedeutung der Bismarckstatue. Ohnehin stellt sich hier die Frage, wie eine zivilgesellschaftliche Partizipation an einem Verfahren zum weiteren Umgang mit dem Bismarck-Denkmal ernstgenommen werden kann, wenn bereits Tatsachen geschaffen wurden, indem ein Kunsthistoriker schon seit Monaten im Auftrag des Bezirksamts Mitte an einer Dokumentation für eine im Sockel geplante Ausstellung arbeitet.

Wie sieht ein zeitgemäßer Umgang mit Geschichte aus?

Geschichte ist die Deutung der Vergangenheit aus der Gegenwart heraus und stets perspektivisch. Wir halten es daher für essenziell, diverse Perspektiven, Erfahrungen, Hintergründe, kurz *Wissensformen*, in die Debatte einzubringen. Mit Blick auf die Kolonialgeschichte brauchen wir einen grundlegenden Perspektivwechsel weg von eurozentrischem Denken und weißen Wissenssystemen. Aus diesem Grund müssen vor allem auch die Nachkommen der Kolonisierten maßgeblich beteiligt werden.

Zeitgemäße Ausgangspunkte einer Auseinandersetzung mit Otto von Bismarck, seiner Politik und seiner Zeit sind für uns Expertenmeinungen von Historikern, die den ersten deutschen Reichskanzler dezidiert als Militaristen, Antidemokraten, völkischen Nationalisten und Modernisierungsverhinderer verstehen, der heutzutage als Rechtsradikaler gelten würde.

Vor diesem Hintergrund wollen wir wissen:

• Welche weiteren Entscheidungen im Hinblick auf das Bismarck-Denkmal wurden bereits gefällt, welche Prozesse laufen bereits, welche Bundes- und Landesmittel wurden bereits abgerufen und wie sehen die Bedingungen ihrer Verwendung aus?

• Wie sind diese Vorgänge in das Bekenntnis der Stadt Hamburg zu einer stadtweiten Dekolonisierung Hamburgs einzuordnen?

• Welche konkreten Maßnahmen wird die Stadt ergreifen, um die in Aussicht gestellte zivilgesellschaftliche Partizipation umzusetzen?

Wir fordern weiterhin:

• einen sofortigen Sanierungs- und Baustopp
• einen ergebnisoffenen Diskurs über den weiteren Umgang mit dem Bismarck-Denkmal unter Einbeziehung der Stadtöffentlichkeit
• eine maßgebliche Beteiligung der Nachkommen der Kolonisierten
• eine unabhängige, aus Vertreter:innen der Zivilgesellschaft zusammengesetzte Kommission, der Entscheidungsbefugnis über den weiteren Umgang mit dem Denkmal zukommt

Decolonize Bismarck
Bismarck’s Critical Neighbours
Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg

(Aktualisierte Fassung vom 2.12.2020)

P.S.: Hier ist das digitale Podiumsgepräch der BKM vom 19.11.2020 dokumentiert.